Freitag, 4. November 2022

Ins Wasser gefallen


Ins Wasser gefallen sagt man, wenn veränderte Umstände etwas Kommendes verhindern. Doch nicht alles, was ins Wasser fällt, verschwindet für immer, denn die Möglichkeit, es trotzdem zu versuchen, bleibt bestehen.

Welcher Wanderweg eignet sich an einem Regentag, wenn alle Wege matschig sind, alle Steine und Felsen nass und rutschig, und wenn die Motivation, das Wanderquartier zu verlassen, nicht besonders hoch ist? Ein Weg, denke ich mir, der für dieses Wetter wie gemacht ist. Eben soll er sein, ohne nasse Felspassagen und enge Stiegen, über die ich klettern muss. Für diesen unangenehmen Tag, erscheint mir der Panoramaweg über die Dörfer Altendorf, Mittelndorf und Lichtenhain an der Hohen Straße gut geeignet. Wege durch die Sächsische Schweiz gibt es seit beinahe zweihundert Jahren. Die meisten von ihnen werden heutzutage als Wanderweg genutzt. Sie führen durch die vier Landschaftsformen, in die Geographen die Sächsische Schweiz gegliedert haben: Felsreviere mit den Plateaus, Klammen, Schluchten und Gründe, mit Türmen und Nadeln aus Sandstein, hochgelegene Ebenheiten mit solitären Tafelbergen, die wie Mythensteine die Landschaft dominieren, in Waldgebiete auf steilen Hängen und dem Elbtal, das die Sächsischen Schweiz wiederum in linkselbisch und rechtselbisch teilt. Charakterisiert wird das Elbsandsteingebirge durch gigantische Felswände, freistehende Felsen und tiefe Täler, in denen zahlreiche Bäche und ein paar kleine Flüsse talwärts rauschen, wie die Kirnitzsch und die Sebnitz. Nicht die Höhe der Felsskulpturen, wie in der Schweiz, sind das dominante Merkmal dieser Felslandschaft an der Elbe, sondern die Formenvielfalt und Zerrissenheit des mit Moos und Flechten geschmückten Sandsteins, den die Erosion zu bizarren Gebilden moduliert hat. Geografisch verteilen sich diese vier Landschaftsformen auf die kleinere Vordere Sächsische Schweiz, die höher gelegene Hintere Sächsische und Böhmische Schweiz sowie das linkselbische Bergland, das bis ins Osterzgebirge reicht.
Der Panoramaweg ist der bisher letzte der markierten Wanderwege, der, wie es heißt, eine Lücke im Wegenetz der Sächsischen Schweiz schließt. Die Schweizreisenden des vorletzten Jahrhunderts, die die Wanderungen durch die Sächsische Schweiz begründeten, kannten den Panoramaweg daher nicht, wohl aber sein Ziel, den Beuthenfall, wohin sie alle gewandert sind, und wo ein Gasthaus jahrzehntelang ihr Treffpunkt war. Der Weg ist fast durchgehend eben, nur selten steigt er kurz an, kaum der Rede wert. Nur die erste Passage von Bad Schandau hinauf auf den Panoramaweg sowie der letzte Teil der Wanderung, zurück ins Tal der Kirnitzsch, sind steil. Dass mit dem Panorama, und ob es ein solches gibt, ist eine ganz andere Angelegenheit, hängt sie doch entscheidend vom herrschenden Wetter ab.

Es regnet als ich morgens aus dem Fenster schaue, und als ich aufbreche regnet es noch immer. Der Himmel spannt einen grauen Mantel über Bad Schandaus, die beharrlichen Stratuswolken, aus denen es stundenlang regnen kann. Die Wolken sind mild gestimmt. Es nieselt, höchstens fällt ein leichter Sprühregen. Die Luft ist gesättigt mit Feuchtigkeit, sodass mich der leichte Regen kaum nasser machen. Es ist auch nicht der Regen, sondern meine Abneigung dagegen, eine Wanderung im Regen zu beginnen. Regnet es erst, und verblasst dann vor den Besonderheiten der Landschaft die Aufmerksamkeit für den Regen, unterscheidet sich die Erlebnisqualität einer Regenwanderung nicht so sehr von einer im hellen Sonnenschein. Sie fühlt sich nur anders an. Es ist die Intensität des Erlebens der Natur, die entscheidend ist.
Am Botanischen Garten Bad Schandaus, hinter einem Haus in Hanglage, zweigt eine schmale Serpentine ab, die sich steil den Berg hinaufwindet. Sie drängt sich dreist zwischen einen Drahtzaun und die felsige Bergflanke, so gerade noch, denn viel Platz ist auf dem engen Streifen nicht. Ins Profil des Wegs gegrabene Stufen mindern die Schräge des Aufstiegs nur wenig. Rechts der Graue Graben. Ein seltener Name für einen grün-braunen Einschnitt ins Gelände. Wer wohl diesen Namen vergeben hat? Lag es an der Farbe Grau, die ich nicht sehen kann, oder an dem Grauen, dass hier herrscht oder einst herrschte? Oben angekommen, empfängt mich ein Schiller-Denkmal von 1859. Sein Antlitz, im Profil in eine Scheibe geprägt, und an einen zu kurz geratenen Obelisken geheftet. Die Säule macht einen verwahrlosten Eindruck. Sie erinnert mich an einen in den Keller geräumten Gegenstand, den man nicht mehr braucht, weil er in die Jahre gekommen ist. Einer Bank, der es nicht viel besser geht, steht exponiert auf einem die Stadt überragenden Riff platziert. Ein malerischer Ausblick ins Tal der Kirnitzsch und auf die gegenüberliegende Bergflanke, an der sich einige Häuser eine vorteilhafte Position erobert haben. Bad Schandau streckt sich unter mir lang aus, eingeklemmt zwischen Fluss und steil aufragenden Felswänden. Viel Platz bleibt ihr nicht: Sie muss sich mit dem Uferstreifen der Elbe begnügen. Von diesem Mangel an Siedlungsraum erzählen erstaunlich viele Hochwassermarken an der Kante eines Hauses. Sie schwer zu übersehen, und erinnern auch den flüchtigen Passanten daran, dass seine Stadt gefährdetes Terrain ist.
Dann beginnt der Panoramaweg, der großenteils der Hohen Straße folgt, dem mittelalterlichen Weg von Schlesien zu den Häfen der Nordsee, den man hier auch Alter Steig nennt. Mittlerweile eine asphaltierte Landstraße mit Schwer- und Personenverkehr - noch immer dem Handel verpflichtet. Die Hohe oder Königliche Straße war im Mittelalter ein bedeutender Handelsweg, der Ost- und Westeuropa miteinander verband, ein europäisches Projekt, das der Adel mehrerer Länder betrieb. Eine überregionale Kommunikationsachse aus dem Osten in den Westen Europas. Die Straße stand im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation unter dem Schutz der königlichen Zentralgewalt. Land- und Heerstraßen gab es im mittelalterlichen Europa viele, die bedeutendste aber war die Hohe Straße. Einzelne lokale Fürsten oder Landesherren, besonders aber der König von Böhmen sowie die sächsischen Kurfürsten, hatten Kontrolle und Schutz für diese wirtschaftlich wichtige Straße in Mitteldeutschland übernommen, die Textilien und Felle, Wachs, Honig und Holz aus Westeuropa im Tausch gegen den Färberwaid des Thüringer Beckens sowie die Bergbauprodukte Obersachsens beförderte. Auch das Militär machte ich diese Achse für die Bewegungen ihrer Armeen zunutze. Ein Teil dieses Handelswegs, von Görlitz an der Neiße nach Vacha an der Werra, ist der als Via Regia bekannte Ökomenische Pilgerweg, eine Etappe des Jakobsweg nach Santiago de Compostela.
Die Ende des 12. Jahrhunderts gegründeten Dörfer Altenberg, Mittelnberg und Lichtenhain liegen auf einem Höhenrücken zwischen Kirnitzschtal und Sebnitztal an der ehemaligen Hohen oder Alten Straße, die heutzutage als der Wanderweg Panoramastraße bekannt ist. Zu beiden Seiten der Straße oder kleinerer Wasserläufe als Mittelachse legten Bauern ihre Höfe als Hufendörfer an, streifenförmige Parzellen (Hufe), die sie urbar machten und bepflanzten. An den Rändern der Hufen blieb der Wald erhalten oder blieben Reststücke erhalten, die als Allmende genutzt wurden. In den drei Dörfern am Panoramaweg sind Reste dieser Siedlungsform bewahrt geblieben. Straßenbaudienste, die Erhebung von Wegezöllen, Bewirtung von Reisenden und Fuhrleuten, aber auch Truppenbewegungen und Plünderungen in Kriegszeiten prägten das Schicksal dieser Dörfer über Jahrhunderte. Administrativ sind die drei Dörfer Ortsteile der Stadt Sebnitz und grenzen an den Nationalpark Sächsische Schweiz.
Der Panoramaweg verläuft auf der ersten Etappe parallel zu der verkehrsreichen Straße, die Altendorf und Mittelndorf verbindet, durch einen kleinen Fichtenwald und hinab in das Tal des Goldgründel, ein kleiner Bach, in dem vor Zeiten erfolglos Gold gewaschen wurde. Eine schmale Holzbrücke, die ihre besten Tage gesehen hat, quert den Bach. Ausgetretene Stufen bringen mich aufwärts aus dem dämmrigen Tal. Der Wald lichtet sich und entlässt den Weg auf ausgedehnte Weiden und Felder. Seit ich den Schutz der Bäume verlassen habe, fühlt es sich an, als habe der Regen wieder zugenommen. In der freien Landschaft weht der Wind ihn mir unangenehm entgegen, sodass ich die Kapuze enger schließe. Ein Hochstand und eine Bank im Regen bieten den ersten Blick auf die Felslandschaft der Sächsischen Schweiz, den Beginn des angepriesenen, famosen Panoramas. Irgendwo gegenüber müssen sie sein, der Hohe Torstein und der Falkenstein, zwischen den Bäumen, unter der dunkelgrünen, undurchsichtigen Plane die als Natur die Landschaft bedeckt; den Lilienstein, der über Königstein aufragt, suche ich erst gar nicht. Der Blick auf den Pfaffenstein geht im Regen unter, die Barbarine unsichtbar irgendwo im Dunst. Papststein und Kleinhennersdorfer Stein haben sich ganz unter die dichte Wolkendecke zurückgezogen. Der Panoramaweg macht heute seinem Namen keine Ehre. Er ist im Regen ertrunken. Nur die charakteristischen Felsriffe der Affensteine kann ich erkennen, die von Nässe und Dunst weichgezeichnet scheinen. Dass hinter ihnen der Große Winterberg mit seinem Sendemast liegt, weiß ich nur, weil ich es gelesen habe. Es ist ein vergnüglicher Zeitvertreib, ein Ratespiel der Felsensuche.

Der Panoramaweg verläuft auf der ersten Etappe parallel zu der verkehrsreichen Straße, die Altendorf und Mittelndorf verbindet, durch einen kleinen Fichtenwald und hinab in das Tal des Goldgründel, ein kleiner Bach, in dem vor Zeiten erfolglos Gold gewaschen wurde. Eine schmale Holzbrücke, die ihre besten Tage gesehen hat, quert den Bach. Ausgetretene Stufen bringen mich aufwärts aus dem dämmrigen Tal. Der Wald lichtet sich und entlässt den Weg auf ausgedehnte Weiden und Felder. Seit ich den Schutz der Bäume verlassen habe, fühlt es sich an, als habe der Regen wieder zugenommen. In der freien Landschaft weht der Wind ihn mir unangenehm entgegen, sodass ich die Kapuze enger schließe. Ein Hochstand und eine Bank im Regen bieten den ersten Blick auf die Felslandschaft der Sächsischen Schweiz, den Beginn des angepriesenen, famonsen Panoramas. Irgendwo gegenüber müssen sie sein, der Hohe Torstein und der Falkenstein, zwischen den Bäumen, unter der dunkelgrünen, undurchsichtigen Plane die als Natur die Landschaft bedeckt; den Lilienstein, der über Königstein aufragt, suche ich erst gar nicht. Der Blick auf den Pfaffenstein geht im Regen unter, die Barbarine unsichtbar irgendwo im Dunst. Papststein und Kleinhennersdorfer Stein haben sich ganz unter die dichte Wolkendecke zurückgezogen. Der Panoramaweg macht heute seinem Namen keine Ehre. Er ist im Regen ertrunken. Nur die charakteristischen Felsriffe der Affensteine kann ich erkennen, die von Nässe und Dunst weichgezeichnet scheinen. Dass hinter ihnen der Große Winterberg mit seinem Sendemast liegt, weiß ich nur, weil ich es gelesen habe. Es ist ein vergnüglicher Zeitvertreib, ein Ratespiel der Felsensuche.
Weiter hinten, am Rand der Ebenheit, tauchen die ersten Häuser von Altendorf auf, eine Station des Malerwegs, der durch die Dorfbachklamm in das Tal der Kirnitzsch und weiter in die Hintere Sächsische Schweiz verläuft. Zwei Wanderer, die als bunte Flecken durch die Landschaft ziehen, verschwinden im gleichen Moment in das Dorf. Irgendwo muss der Adamsberg liegen, einer der schönsten Aussichtspunkte der Sächsischen Schweiz, der schon im 19. Jahrhundert von Kurgästen aus Schandau regelmäßig besucht wurde. Das Dorf ist menschenleer, als ich die Hauptstraße aufwärts gehe, die schön sanierte Fachwerkhäuser säumen. Die beiden anderen Wanderer sind nicht mehr zu sehen. Anscheinend bin ich nicht der einzige, der sich im Regen nicht wohl fühlt. Eine Bank, ein Baum mit mächtiger Krone an einem Transformatorhäuschen, und etwas weniger nass. Ich bin froh dem Regen für einen Moment zu entkommen, und lasse mir ein zweites Frühstück schmecken.
Zwischen Altendorf und Mittelndorf wandere ich über den Höhenrücken, Felder und Wiesen auf beiden Seiten. Immer wieder ein Apfelbaum am Wegesrand, erfreulich, denn die Bäume tragen verschiedene Sorten, die zum Pflücken und Schmausen einladen. Jeder gepflückte Apfel spendiert mir dazu eine Regendusche, wenn der Zweig zurückschnellt, denn der Baum trägt ein nasses Kleid. Im Süden noch immer das Panorama der Sächsischen Schweiz, dem der Weg seinen Namen verdankt, mit vielen beeindruckenden Felsformationen, deren Details im Regen verschwimmen. Nur die mächtige Felssäule des Bloßstock, des nördlichsten Felsen der Affensteine, ist deutlicher auszumachen. Parallel zum Panaramaweg entfalten sich Felsen auf Felsen wie ein Leporello, bewaldete Hänge aus denen nur vereinzelt schroffe Felsen ragen; an einem Tag wie heute. Der Regen hängt schwer über den Bergen. Immer wieder steigen dunstige Fahnen an ihren Flanken auf, als ob Feuer an ihrer Basis brennen. Die feuchten Schwaden, die in der Ferne aufsteigen, imitieren den Rauch qualmender Lagerfeuer, die Berge hinter ihnen unscharf, dem suchenden Blick entzogen. An trockenen, sonnigen Tagen ein berauschender Anblick über rollende Hügelketten, wo eine der anderen folgt. Das nehme ich zumindest an.

Der Panoramaweg führt mitten durch den Ortskern von Mittelndorf, auf die von bewaldeten Hanglagen umgebene Mittelndorfer Flur, einer Hochebene zwischen den Flüssen Sebnitz im Norden und Kirnitzsch im Süden. Im Ort Umgebinde- und Fachwerkhäuser, am Ortsrand die kleine Bergoase, ein privat betriebener Campingplatz, der wie ein Geheimtipp aussieht. Gegenüber der Aussichtspunkt Rämischs Bank, gekrönt von der komfortablen Holzbank unter einer mächtigen Linde, durch die Regentropfen nur schwer durchdringen. Für mich ein trockener Platz für eine Rast, die nicht zum ersten Mal mit der Hoffnung verbunden ist, es möge endlich zu regnen aufhören. Das Panorama, das auch in Mittelndorf nicht das versprochene ist, nimmt meinen ganzen Blick ein. Natürlich sind die Schrammsteine und Affensteine mit von der Partie. Doch ich bleibe nicht lange an diesem besonderen Platz, denn der Wunsch, die Wanderung zu beenden, wird dringender.
Jenseits des schön geschmückten Mittelndorf liegen die Kroatenschlucht und die Schaar. Ich trenne mich vom Panoramaweg, der sich in nördlicher Richtung fortsetzt und sich auf den Weg zum Lichtenhainer Wasserfall macht. Früher nannte man ihn den Großen Wasserfall; nur deshalb, weil der Beuthenfall der Kleinere Wasserfall ist. Ich biege in den Schaarwändeweg ein, um über die Schaar zum Beuthenfall zu wandern, der auf meiner Karte nach einer Alternative aussieht. Mittlerweile bin ich durchnässt und friere im auffrischenden Wind, denn den Sprühregen vom Vormittag hat ein ergiebiger Landregen abgelöst. Mir erscheint der Weg quer über die Schaar der kürzere zu sein, der mir die längere Regenwanderung zum Lichtenhainer Wasser erspart.

Trotz der unangenehmen Umstände, die eine Wanderung in anhaltendem Regen mit sich bringt, ist der Panoramaweg ein Erlebnis. Gestern wanderte ich durch die Schrammsteine auf und ab, durch sehr verschiedene Landschaftsformen, ändert die Landschaft am Panoramaweg heute kaum ihren Charakter. Es ist die Feuchtigkeit in der Luft, nicht etwa Berge oder tief eingeschnittene Schluchten, die die Aussicht behindern. Der unbefestigte Panoramaweg führt zum größten Teil über eine Ebenheit, eine flache Landschaft, die nur in der Ferne von Bergen begrenzt wird. Den Weg, der sanft immer weiter nach Osten mäandert, säumen Felder, Wiesen und Weiden. Ganze Etappen flankieren Apfelbäume, an denen rote und gelbe Äpfel reifen, bunte Punkte im nassen Laub. Manchmal geht es kurz abwärts in eine Senke, die schnell durchquert ist. Dann sinkt der Weg in die Landschaft ein, rechts und links steigt die Böschung hoch, ein Gefühl, wie in einen Hohlweg einzutreten, der genau betrachtet, keiner ist.
Dann öffnet sich der Wald, durch den ich zuletzt gewandert bin, und ich stehe vor einer ausgedehnten Wiese, die wie eine gigantische Lichtung auf drei Seiten von Wald umgeben ist: Die Schaar, eine historische Flurbezeichnung aus der Besiedlungszeit des Landes durch sorbische Bauernfamilien aus der Lausitz. Nach der Verteilung der Hufenstreifen blieb unbewirtschaftetes Restland am Rand der Dorfflur übrig. Weit verstreut haben sich Berghütten über die Wiese verstreut, keine von ihnen ist mitten in der Woche bewohnt. Das südliche Ende der Schaar wird ganz von einem steinernen Riegel beherrscht. Eine Felswand wendet mir ihre schroffe Flanke zu, über die der Wind Dunstschleier weht. Keine Menschenseele ist zu sehen. Die Schaarwiese liegt verlassen im Regen. Vor den hoch aufragenden Schaarwänden wirkt die Schaarwiese mit ihren Hütten und den wenigen Bäumen wie die Miniaturlandschaft einer Modelleisenbahn. Die Felswand ist kaum sichtbar. Sie liegt malerisch hinter dem Dunst vorbeiziehender Wolken verborgen und inspiriert die Fantasie. Eine filmreife Kulisse, die Szene eines Märchens, in dem jeden Augenblick eine Burg auf den Zinnen der Schaarwände aus dem feuchten Dunst auftaucht, eine Landschaft, in der ein Drache aus einer Höhle in der Felswand mit weit ausgebreiteten Schwingen lautlos über die Wiese schwebt. Es ist nicht schwer an das Wunderbare in einer solchen Umgebung zu glauben. Einen Augenblick lang stehe ich staunend, wie gebannt, am Waldrand. Es fällt mir nicht schwer zu verstehen, dass Menschen früherer Zeiten die naturräumlichen Atmosphären solch beeindruckender Landschaften für Götter hielten. Von der Wirkung majestätischer oder ängstigender Atmosphären ganz zu schweigen. Wären die Hütten nicht, ich käme mir vor wie vor dem Gemälde eines der Schweizreisenden des 19. Jahrhunderts. Eingeschlossen wie in einem Tal, zwischen Wald und Fels, im strömenden Regen, die spektakuläre Aussicht, für die der Panoramaweg bekannt ist, und die er mir bisher verweigerte.

Ich kann nicht mehr sagen, wo und wann ich den Schaarwändeweg verloren habe, den Weg hinunter an den Beuthenfall. Geschah es, bevor ich die Schaar vor mir liegen sah oder habe ich ihn irgendwo auf der Wiese verloren, weil mein Blick hypnotisch an der Felswand vor mir klebte. Unter die Kapuze zurückgezogen, die meinen Blick seitlich einschränkte, muss ich die Abzweigung ins Kirnitzschtal übersehen haben. Ich bin dem zweispurigen Weg zwischen den Hütten unter die Felswand gefolgt, der Schaarwändeweg war es wohl nicht, der an einem Zweifamilienhaus endet, wo niemand zu Hause ist. Hinter dem Haus verschwindet der Weg zwischen Reifenspuren, Schlaglöchern und zertrampelten Pflanzen. Alles endet an einem steilen, von Stämmen und Ästen übersäten Hand. Einen Weg oder Pfad hindurch finde ich nicht, und ich bezweifle inzwischen, dass am Grund die Kirnitzsch fließt. Eben war ich mir noch so sicher, auf dem Schaarwändeweg zu sein, doch nun, an diesem weglosen Abgrund wird mir bewusst, dass ich dem falschen Weg gefolgt sein muss. Der breite Weg über die Wiese war wohl doch zu einladend, zu verführerisch. An mehreren Stellen, die vielleicht ein Weg sein könnten, suche ich auf dem chaotischen, von Baumstämmen und Totholz übersäten Hang, steige mehrere Meter abwärts, bis der Hang zu steil, matschig und rutschig wird. Einen Weg mitten hindurch finde ich nicht, wenn es ihn überhaupt gibt. Ich gehe zurück auf die Schaar, vorbei an mannshohen Stapeln bereits entrindeter Fichtenstämme, umrunde einige der Berghütten, wo ich mich gerne ins Trockene geflüchtet hätte. Ich will mich neu orientieren, die Karte im Trockenen studieren, doch Zäune und verschlossene Tore sperren mich mitleidlos aus. Ein Schild weist in die Kroatenschlucht, und froh, überhaupt einen Weg gefunden zu haben, der aus dem grünen Nass zurück in den Wald führt, gehe ich mehrere Hundert Meter hinab, bis er sich in die falsche Richtung wendet, hinab in den Nassen Grund, ein Name, der heute nicht verlockend klingt, denn Nässe habe ich schon genug. Eine Zeitlang irre ich orientierungslos über die nasse Wiese, die im Regen intensiv grün strahlt. Wie frisch gestrichen leuchtet sie unter den majestätischen Schaarwänden, als ich zurück am Gartentor des Wohnhauses einen Wegweiser sehe: Zum Kirnitzschtal. Endlich die erlösenden Worte. Ich folge dem Schild zurück auf die nasse Schaarwiese, wo eine frisch getretene Spur, kaum einen Trampelpfad zu nennen, am Rand der Wiese entlangführt. In der Hoffnung, dass ein Vorgänger das gleiche Ziel hat wie ich, gehe ich auf die nasse Wiese. Letztlich habe ich die ausgedehnte Wiese einmal umrundet, durch knöchelhohes, nasses Gras, bis ich unter Bäumen versteckt an einen schmalen Waldweg komme, der, wie ich vermute, im Kirnitzschtal endet. Dem nassen Gras entkommen, wandere ich auf schlüpfrigem Grund, Schuhe und Strümpfe völlig durchnässt. Gegen Wanderungen im nassen Gras und Dauerregen hilft auch kein Gore-Tex, was ich nicht zum ersten Mal erfahre. Alle werbewirksamen Versicherungen von wasserdicht und atmungsaktiv der Outdoor-Industrie versagen früher oder später vor der Wirklichkeit. Jeder erfahrene Wanderer weiß das. Als ich über die Schaarwiese zurück zu dem Wohnhaus unter den Schaarwänden zurückschaue, sehe ich einen zweiten, breiten zweispurigen Weg auf mich zukommen, der in den Waldweg mündet, an dem ich stehe. Inzwischen weiß ich, dass diese Wege für den Autoverkehr zu den Hütten da sind. So ist das eben manchmal unterwegs.

Irgendwie muss ich auf den Panoramaweg zurückgefunden haben, das dachte ich zuerst, wenn ich auch nicht nachvollziehen kann, wo und wann das geschehen ist. Es gibt nur einen Weg über die Schaarwiese und das ist der Schaarwändeweg, auf den ich kurz hinter Mittelndorf abgebogen bin und den ich auf der Schaar verloren habe. Ich erinnere mich gut daran, wo der Panoramaweg zum Lichtenhainer Wasserfall abbog. Es gab an Abzweigung schließich einen eindeutigen Wegweiser. Auch der Blick auf meine Wanderkarte zeigt keine weitere Verbindung zwischen dem Panoramaweg und dem Schaarwändeweg, wohl aber kleinere namenlose Pfade, die im Gelände um die Schaarwiese kreuzen. Ein Mysterium, das ich erst am Abend klären kann, eins von denen, die ein Wanderer immer wieder einmal erlebt. Es sind diese eigenartigen Zufälle, von denen ich nicht weiß, wie sie entstehen, oder: wie ich sie bewerkstelligt habe. Der Waldweg, auf den ich auf meiner Odyssee über die Schaar schließlich unbemerkt geraten bin, muss einer dieser kleinen gewesen sein, den kein Führer dem Wanderer empfiehlt, ein Pfad voller Rinnen und Spalten. Steil, steinig, wurzelzerfurcht und rutschig führt er mal gerade, dann in Serpentinen den Hang hinab. Am Grund einer engen Kluft fließt plätschernd ein Bach über glatt polierte Gerölle, vom Regen gestern und heute verwöhnt. Zwei nasse Baumstämme bilden eine tückische Brücke, die ich lieber meide. Zwei Schritte durch das flache Wasser reichen, um den Bach zu queren. Nasse Füße habe ich ohnehin. Es ist der Beuthenbach, wie ich später auf der Karte sehe, der trotz der Regenschauer das wenige Wasser, das er führt mit sich hinab ins Kirnitzschtal nimmt. Einst brachten die Lichtenhainer Bauern ihre Bienenkörbe, die Beuthen, auf die sonnigen, hochgelegenen Wiesen. So kam der Beuthenbach zu seinem Namen. Das Regenwasser fließt die Sohle des v-förmigen Pfads hinab und speist den Bach, was meinen nassen Füßen mittlerweile gleichgültig lässt. Der Weg hat sich in einen Wasserlauf verwandelt, in dem kaum fingertief der Regen fließt. Die steilen Hänge auf beiden Seiten haben Fichten besiedelt, die keine anderen Bäume und keinen Bewuchs am Boden dulden. Ein dominanter Baum, ohne Mitleid für andere Pflanzen. Nun hat er den Borkenkäfer. Trotz allem Ungemach herrscht eine andächtige Atmosphäre zwischen den kerzengeraden, hohen und nadellosen Stämmen, Säulen, wie in einem Dom, nur ganz am Ende ein paar dürre Zweige, auf denen nur kleine Kerzen Platz genug finden. Es riecht feucht modrig, gemischt mit schwachem, harzigem Aroma. Rutschend stolpere ich einen Pfad entlang, im Glauben, endlich auf dem richtigen Weg zu sein. Abwärts, immer steiler abwärts, nicht zum ersten Mal glücklich ein Stockwanderer zu sein. Jenseits des Bachs endet der Waldweg auf einer sanft geneigten Galerie. Ein neuer Abhang, der diesmal nicht in eine kleine Wildnis aus Totholz und Stämmen führt, fällt ab ins Kirnitzschtal, wo ich immer noch den Beuthenfall vermute. Tief unten sehe ich die Landstraße und die Bushaltestelle, ein paar Gebäudeumrisse und den Schienenstrang der Kirnitzschtalbahn. Abgelenkt, mein Ziel vor Augen unaufmerksam und vom Regen genervt, rutsche ich auf den glatten nassen Steinen aus, die den Weg erschweren, und falle auf einen entrindeten Fichtenstamm, dessen Astenden spitz auch außen ragen. Ich spüre, wie mir eine Spitze die Rippen ritzt. Mein Wanderstock hat mich im Sturz ein Stück zur Seite gehebelt. Fast hätte ich mich aufgespießt. Was für ein Ende einer Wanderung der kleinen Herausforderungen. Hoch über der Landstraße und dem Gleisbett der Kirnitzschtalbahn verläuft ein schmaler Pfad, der sich an die Flanke des Bergs lehnt, stetig abwärts zum Lichtenhainer Wasserfall. Am Beuthenbach bin ich erneut auf einen dieser kleinen Pfade geraten, die die Wälder der Sächsischen Schweiz wie ein alternatives Netz durchziehen. Es sind auf den ersten Blick unscheinbare Bergpfade und Waldwege, die man bewusst nicht wählt. Wege, die sich vom offiziellen Wanderwegenetz entfernen, sodass man nicht sagen kann, wohin sie führen. Wege, die der Zufall schenkt, die einen ganz besonderen Thrill bescheren, eine Unsicherheit vermitteln, die die Orientierung in der Schwebe hält. Wohin man unterwegs ist, weiß man erst, wenn man angekommen ist. Und dann habe ich auf den Panoramaweg zurückgefunden, und bin am Lichtenhainer Wasserfall, nicht am Beuthenbach, herausgekommen. Als kleines Rinnsal stürzt der Große Wasserfall sich zwischen klobige Felsen hinab in sein unterirdisches Bett. Gegenüber, unter Straße und Schienen hindurch, mündet er in die Kirnitzsch. Am nun unsichtbaren Ufer des Bachs steht ein Gasthaus mit großer Außenterrasse. Erfreut von der Gelegenheit entkomme ich dem Regen an Tische unter ausladenden Schirmen. Endlich im Trockenen. Ein heißer Milchkaffee vertreibt die klamme Kälte, während ich auf den Bus warte, der mich zurück ins Wanderquartier bringt.


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